Autor: Verena Aretz; stud. paed.; Leibniz Universität Hannover

Sprechapraxie

Interventionen bei Sprechapraxie

Im Folgenden werden Vorschläge zu Therapie- und Interventionsmöglichkeiten gemacht. Es liegen bislang keine verbindlichen Richtlinien zur Therapie kindlicher Sprechapraxie vor, doch wurden von Birner-Janusch (2010) in Anlehnung an andere Autoren allgemeine Grundsätze für die Therapie formuliert (vgl. S. 101 – 125). Konsens scheint zu sein, dass eine Therapie möglichst frühzeitig begonnen werden sollte. Als Richtwert wird das dritte Lebensjahr der Kinder genannt. Zum Alter ist auch die Intensität und Frequenz entscheidend. Förderlich für den Therapiefortschritt wird eine häufige, intensive und vor allem individuell abgestimmte Therapie zwei- bis dreimal wöchentlich vorgeschlagen. Die Inhalte sollten multimodal gestaltet sein und sowohl mundmotorische Übungen enthalten, die allerdings auch kontrovers diskutiert werden. Zudem sind häufige Wiederholungen förderlich. Um die Motivation der Kinder aufrecht zu erhalten, wird ein spielerisches Vorgehen vorgeschlagen, was allerdings nicht in allen Therapiekonzepten Einklang findet. Letztendlich ist der Erfolg einer Therapie aber auch abhängig von der Bereitschaft des Kindes mitzuarbeiten und Aufforderungen zu erfüllen. Häufig bietet sich eine Verknüpfung verschiedener Modelle und Konzepte an. Zu Beginn ist das Lernen am eigenen Erfolg sehr vielversprechend (vgl. Birner-Janusch 2010, S. 101).

Die Therapiekonzepte können eingeteilt werden in:

  - Taktil-kinästhetische Verfahren (für Kinder mit Kiefer-, Lippen- und Zungensteuerungsproblemen)
  -  Rhythmisch-melodische Verfahren (für Kinder mit Problemen in der Sequenzierung von Sprechbewegungen)
  -  Gestenunterstützende Verfahren

Auswahl allgemeiner Grundsätze für die Therapie kindlicher Sprechapraxie nach Marquadt et al. (2001 zit. in Birner-Janusch 2010, S. 102 f.):

  -  Behandlungsschwerpunkt auf Sequenzierung von Sprechbewegungen
  -  Keine Einzellaute in Isolation anbieten
  -  Beginn auf einfacher KV-Silben-Ebene hin zu komplexen Silbenstrukturen
  -  Auswahl der Laute orientiert am physiologischen Entwicklungsverlauf
  -  Multimodales Vorgehen
  -  Einsatz intensiver, systematischer und hochfrequenter Wiederholungen
  -  Äußerungen in Trägersätze einbetten
  -  Angemessenes Sprechtempo
  -  Unterstützende Effekte furch Rhythmus, Betonung, Intonation und ganzkörperliche Unterstützung nutzen
  -  Taktil-kinästhetische Hilfen verwenden
  -  Erfolgserlebnisse schaffen

 

Konzepte

Es kann unterschieden werden in einzellautorientierte Ansätze und silben- und wortorientierte Ansätze.

Beispiele für einzellautorientierte Ansätze:

Ansatz nach Becker-Redding „KOART“ (2006): – 9-stufiges Vorgehen mit verbindenden Aspekten der Assoziationsmethode nach McGinnis und TAKTKIN. Das Konzept wird hauptsächlich ohne weitere Spielangebote durchgeführt.

  • Stufe 1: Auswahl dreier Laute orientiert an Möglichkeiten des Kindes
  • Stufe 2: Assoziation der Grapheme und multisensorielle Darstellung. Kind soll Konsonanten „vorlesen“, dabei wird auf exakte Lautreinheit geachtet
  • Stufe 3: Konsonantenfolgen die einen großen phonetischen Kontrast bilden
  • Stufe 4: Einführung von Vokalen, um Silben „lesen“ zu können
  • Stufe 5: unregelmäßige Abfolge von Konsonanten
  • Stufe 6: unregelmäßige Abfolge von Vokalen und Konsonanten
  • Stufe 7: Zwischenschritt – Silbenkonstruktionen ohne semantischen Gehalt
  • Stufe 8: Sinnebene, bei der die Vokalproduktion immer weiter in den Vordergrund rückt
  • Stufe 9: Erarbeitung von Diphthongen, Umlauten und Konsonantenverbindungen

 

Assoziationsmethode nach McGinnis (1939, 1963): zweischrittiges, multimodales Vorgehen in drei Abschnitten. Die Methode verbindet wesentliche am Lernen beteiligten Prozesse, Aufmerksamkeit, Behalten und willkürlicher Abruf. Verbindung von visueller, auditiver und taktil-kinästhetischer Kanäle. Empfohlen für Kinder ab vier Jahren
     - Abschnitt: Erarbeitung von Einzellauten mit Repräsentation von Graphemen. Gefordert wird eine absolut korrekte Artikulation
     - Abschnitt: Einzellaute zu Silben und Substantiven zusammenfügen und somit Aufbau eines Wortschatzes
     - Abschnitt: Übergang vom Konkreten zu abstrakten Einheiten
        → Kontrovers diskutierte Methodik, da es nicht dem natürlichen Lernprozess der kindlichen Sprachentwicklung entspreche (vgl. Birner-Janusch 2010, S. 109)

 

Beispiele für silben- und wortorientierte Ansätze:

Integrale Stimulationsmethode (Strand und Skinder (1999)): lerntheoretisches Vorgehen, orientiert an Prinzipien des motorischen Lernens. Behandlung mit einer hierarchisch gegliederten Reihe von Wortmaterial mit systematischer Reduzierung von Unterstützung seitens des Therapeuten. 8-Schritte-Kontinuum (nach von Rosenbek et al. (1973)):
     - Simultane Produktion der Zieläußerung von Kind und Therapeut
     - Vorsprechen des Therapeuten, Nachsprechen des Kindes, simultanes Begleiten des Therapeuten durch Mundbild
     - Vorsprechen des Therapeuten, Nachsprechen des Kindes
     - Vorsprechen des Therapeuten, mehrfaches Wiederholen des Kindes
     - Vorlesen einer Zieläußerung von einer Karte durch das Kind
     - Vorlesen einer Zieläußerung von einer Karte durch das Kind, Produzieren der Zieläußerung ohne Kartenvorlage durch das Kind
     - Zieläußerung wird vom Kind als Antwort auf eine vom Therapeuten gestellte Frage produziert
     - Einbindung der Zieläußerung in ein Rollenspiel

 

„Touch Cue“- Methode (Bashir et al. (1984)): taktile Hilfen zur Sequenzierung von Sprechbewegungen. Dreiphasiges stark strukturiertes Vorgehen mit einzelnen Schritten innerhalb der Phasen.
     - Phase: Räumliche Hinweise der „touch cues“ bzw. Artikulationsbewegungen werden mit sinnlosen Silbenfolgen eingeführt (8 Schritte)
     - Phase: erlernte Artikulationsbewegungen werden in sinnlose Silbenfolgen und Wörter integriert (15 Schritte)
     - Phase: Transfer in die gelenkte Rede und in die Spontansprache (2 Schritte)

 

TAKTKIN (für das Deutsche konzipiert von Birner-Janusch (1999, 2001)): modellorientiertes Vorgehen, bei dem taktil-kinästhetische Hinweisreize in Verbindung zu auditiven und visuellen Modalitäten zur Behandlung sprechmotorischer Störungen eingesetzt werden.

 

Weitere Möglichkeiten bieten therapiebegleitende nonverbale Ansätze wie die „Totale Kommunikation“ von Jaffee (1984) oder die Unterstützte Kommunikation (vgl. Birner-Janusch 2010, S. 122 ff.).

 

Literatur

Birner-Janusch, B. (2010). Teil B. Sprechapraxie im Kindesalter. In: Springer, L. & Schrey-Dern, D. (Hrsg.). Sprechapraxie im Kindes- und Erwachsenenalter. 2. Aufl., Stuttgart u.a.: Georg Thieme Verlag, S. 71-127.

 

Verweise zu Methoden, Konzepten u. Ä.

Bashir, AS., Grahamjones, F., Bostwick, RY. (1984). A touch-cue method of therapy for developmental verbal apraxia. Semin Speech Lang; 5(2), S. 127-137.

Becker-Redding. KoArt. Im Internet sind unter: www.logopaedie-becker-redding.de/koart/ [Zugriff am 29.06.2016] Seminare buchbar.

Birner-Janusch, B. (1999). Das PROMT-System – Ein Ansatz zur Behandlung sprechmotorischer Störungen. Diplomarbeit, RWTH-Aachen.

Hayden, DC. & Square, PA. (1999). Verbal Production Assessment for Children., San Antonio: Psychological Corporation.

Jaffee, M. (1984). Neurological impairment of speech production: assessment and treatment. In: Costello, JM. Ed.: Speech Disorders in Children. San Diego; College.Hill Press, S. 157-186.

McGinnis, MA. (1939). Aphasic Children. Identification and education by the association method. Washington DC: Alexander Graham Bell Association for the Deaf.

McGinnis, MA. (1963). Aphasic Children. Identification and Training by the Association Method. 2nd ed. Washington DC: Alexander Graham Bell Association for the Deaf.

Rosenbek, JC., Lemme, ML., Ahern, MB et al. (1973). A treatment for apraxia of speech in adults. J Speech Hear Disord. 38: S. 462-472.

Strand, EA. & Skinder, A. (1999). Treatment of Developmental Apraxia of Speech: Integral Stimulation Methods. In: Caruso, AJ., Strand, EA, eds. Clinical Management of Motor Speech Disorders in Children. New York: Thieme. S. 109-147.